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WENDISCHES SEMINAR |
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Das „Wendische Seminar“ St. Petri in Prag
Die beiden aus Temritz (bei Bautzen) stammenden Brüder und Priester Martin Norbert und Georg Joseph Schimon, Angehörige des sorbischen Volkes, hatten bereits 1694 unter Verwendung ihrer Ersparnisse auf der Prager Kleinseite eine „Hospitalität“ für aus der Lausitz stammende Alumnen („Zöglinge“, die Priester werden wollten) gegründet. 1706 konnte auf der Kleinseite, nahe der Karlsbrücke, ein Grundstück erworben werden (am 19.4.1706 in die böhmische Landtafel eingetragen). Die Vollendung der Schimonschen Pläne, für die Lausitzer Alumnen eine würdige Heim- und Ausbildungsstätte zu schaffen, zog sich jedoch bald 20 Jahre hin. Am 12.2.1724 wurde in Prag eine Stiftungsurkunde verfasst, die das Bautzener Domkapitel St. Petri annahm (vom Kaiser Karl VI. am 6.7.1725 bestätigt).
Nachdem dann endlich sich immer wieder neu auftürmende Schwierigkeiten und Formalitäten überwunden waren, konnten im Winter 1725/26 Baukontrakte abgeschlossen werden. Am 15.7.1726 erfolgte die Grundsteinlegung. Es entstand ein einfaches Barockgebäude, das „Wendische Seminar“ oder das „Lausitzer Seminar“. St. Petrus wurde der Schutzpatron, ein Hinweis auf den Jurisdiktionsträger, das Bautzener Domkapitel. Leider ist der Tag der Weihe des neuen Gebäudes nicht überliefert. Jedenfalls zogen im Herbst 1728 die ersten Studierenden ein, zwei Theologen, zwei Philosophen und 15 Gymnasiasten. Es ist wichtig festzuhalten, dass die Alumnen, die im „Wendischen Seminar“ lebten, hier ihre geistliche Ausbildung erhielten. Für Angehörige des sorbischen Volkes kamen noch diverse muttersprachliche Übungen dazu. Für die wissenschaftliche Ausbildung waren das Kleinseitener deutsche Gymnasium und, nach dem Abitur, die philosophische und theologische Fakultät der Karl-Ferdinand-Universität zuständig. Als Hausleitung hatte das Bautzener Domkapitel einen Praeses eingesetzt, der dem Domdekan zur Rechenschaft verpflichtet war. Unbedingt muss nun festgestellt werden, dass Sachsen und Böhmen (bzw. Österreich) jahrhundertelang weitgehend relativ gute Beziehungen hatten, was sich z.B. auch auf die Schul- und Studiengeldfreiheit der sächsischen Alumnen (Sorben und Deutsche) in Prag auswirkte. Die Stiftung der Brüder Schimon stieß beim Klerus und bei den Gläubigen in der Lausitz auf große Resonanz. Spendenfreudigkeit war die Folge, bald konnten mehr Plätze für Studierende geschaffen werden. Das „Wendische Seminar“ bestand von 1728 bis zum Verkaufsjahr 1922. Die im Seminar geführte Matrikel aller Schüler und Studenten wurde von PhDr. Zdeněk Boháč herausgegeben. Auf Grund ihrer Auswertung teilt Boháč die Seminargeschichte in drei Perioden ein. Erste Periode: (1706) 1728 bis 1783, damals lebten nur sorbische Zöglinge im Seminar. Zweite Periode: 1784 bis 1821, außer Sorben kommen kommen jetzt auch Deutsche zum Studium (sie stammen aus dem Gebiet des Klosters St. Marienthal und aus Dresden). Dritte Periode: 1822 bis 1922: Da das Gebiet um Wittichenau an das Erzbistum Breslau abgegeben werden muss, kommen von nun an weniger Sorben, die Priester werden möchten, in das „Wendische Seminar“ nach Prag. In die Zeit der dritten Periode fallen auch die Gründung des Deutschen Reiches (unter preußischer Hegemonie) und wachsender Nationalismus, der sich nach dem ersten Weltkrieg noch verschärfte, zumal er nun z.T. von einigen Staaten und manchen großen Parteien gefördert wurde. Der Vorsteher des Seminars war entweder ein Sorbe oder ein Deutscher oder ein Tscheche – Probleme hat es deswegen kaum einmal gegeben. Sorben und Deutsche lebten und studierten gemeinsam. Die sorbischen Zöglinge pflegten slawische Sprachstudien und hielten regen Kontaktz zu Tschechen und anderen Slawen, was für die Identitätsfindung des kleinen sorbische Volkes wichtig wurde. Am 21.10.1846 gründete Jakub Buk (später Prälat und kgl. Sächs. Hofkaplan und Hofkirchenpfarrer) gemeinsam mit anderen Zöglingen im „Wendischen Seminar“ eine sorbische Schüler- und Studentenvereinigung, die „Serbowka“.
Seit dem 19. Jahrhundert blieb es nicht aus, dass – mit zunehmender Nationalstaatstümelei – in einigen Kreisen Meinungen aufkamen, die behaupteten, in Verbindung mit dem „Wendischen Seminar“ bestünden panslawistische Gefahren für Sachsen und sogar für Deutschland. Man sprach oder schrieb von slawischen Hetzkaplänen und warf der kgl. Sächs. Regierung vor, sie würde das alles dulden, von der k. u . k. Regierung der Habsburger wurde sowieso nicht allzu viel Deutschtum erwartet. Der Verleumdungen gab es viele, der Bautzener Bischof und der Praeses in Prag mussten oft dagegen Stellung nehmen. Als es nach 1918 das Kaiserreich Österreich und das Königreich Sachsen nicht mehr gab, breiteten sich nationalstaatliche Ideen verstärkt aus, kleinen Völkern und Volksgruppen drohte dabei Verlust ihrer Identität. Irritationen und Missverständnisse häuften sich, die katholische Kirche, der das Seminar gehörte, wurde immer öfter unter Druck gesetzt, dieses zu schließen. Doch wo sollten für Sachsen sonst die künftigen Geistlichen ausgebildet werden, wenn nicht in Prag, was sich 200 Jahre als dafür geeigneter Ort bewährt hat.
Als das Bistum Meißen wiedererrichtet worden war, trug der neue Bischof Dr. Schreiber die Verantwortung für die Priesterausbildung, von allen Seiten bekam er Meinungen zu hören. In Deutschland herrschten politisch unklare Verhältnisse, die Inflation schuf große Armut. Längst notwendig gewordene Renovierungen im „Wendischen Seminar“ konnten wegen Geldmangel nicht in Angriff genommen werden. Der Lebensunterhalt für die Alumnen war nicht mehr gesichert, denn in den Pfarrgemeinden Sachsens hatte die Kollektenfreudigkeit total abgenommen. Doch auch in Prag gab es viele Veränderungen, besonders war es die Hauptstadt eines tschechoslowakischen Staates geworden, was die Situation sehr veränderte. Die katholische Kirche hatte ein neues Kirchenrecht, das eine anders geartete Ausbildung künftiger Priester als bisher verlangte. Innerhalb der Kirche des Bistums Meißen gab es verschiedene sehr gegensätzliche Ansichten, die heimlich oder offen ausgesprochen wurden. Bespitzelungen und Diffamierungen geschahen häufig, so berichten die Zeugnisse für die damalige Zeit.
Nach langem heimlichen Tauziehen wurde Anfang 1922 im Bautzener Bischöflichen Ordinariat endgültig beschlossen, das „Wendische Seminar“ aufzulösen und zu verkaufen. Der letzte Praeses, J. Jakubasch, erhielt die entsprechenden Weisungen, man gab ihm damit einen höchst undankbaren Auftrag, für dessen Erfüllung er sich nur Ärger einhandeln konnte, niemals Dank. Im August 1922 wurden die letzten Zöglinge nach Sachsen zurückgeschickt, im Oktober des gleichen Jahres erfolgte der Verkauf des „Wendischen Seminars“ (eingetragen in die Landtafel am 30.10.1922).
Von 1728 bis 1922 besuchten 768 Alumnen das „Wendische Seminar“ in Prag. Es waren 428 Sorben, 319 Deutsche und 21 Kandidaten anderer Nationalitäten. Die meisten von ihnen wurden Priester, in der Lausitz und in ganz Sachsen. Domkapitular Dr. Anselm Rotzinger, der vorletzte Praeses des „Wendischen Seminars“ verließ Prag nach über 25 jähriger Amtsführung im Sommer 1921. Damals schrieb er in das Haustagebuch: „Ich verlasse die liebe Anstalt, in der ich ein Menschenalter zugebracht habe, mit schwerem Herzen. Gott segne meinen Nachfolger und seine Arbeit an den künftigen Geistlichen Sachsens, mir aber verzeihe er in seiner Barmherzigkeit die Sünden, die ich in meinem Amte begangen habe. Der Wille war vielleicht gut, die Kraft zu schwach.“
Dieter Rothland
Dieser Beitrag erscheint im Herbst 2003 in der Edition „Eine Kirche – zwei Völker“ im Domowina-Verlag Bautzen unter der ISBN-Nummer 3-7420-1926-0. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, diesen Artikel benutzen zu dürfen.
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