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 GESCHICHTLICHES
Der steinige Weg
Johann Ziesch
Wendisches Seminar

DER STEINIGE WEG DES SORBISCHEN VOLKES
 

Der steinige Weg des sorbischen Volkes durch tausend Jahre Geschichte

(Unter besonderer Bezugnahme auf die aufgehobene Mittelschule von Crostwitz)

932
Mit der Niederwerfung von zwei sorbischen Stammesgruppen durch den gegen Meissen vordringenden König Heinrich I. beginnt der Angriff auf das sorbische Volk. In der Absicht, weitere sorbische Stammesgruppen zu unterwerfen, lässt Markgraf Gero von Meissen hinterhältig dreissig elbslawische Stammesfürsten, die er zu einem Gastmahl eingeladen hatte, ermorden. Nach

1100
versucht der deutsche Adel, das sorbische Identitätsbewusstsein und die sorbische Sprache durch die Ansiedlung von Bauern aus Franken, Thüringen, Flandern, Norddeutschland und von Handwerkern in sorbischen Städten wie Zwickau, Leipzig, Plauen und Chemnitz zu schwächen. Im Zusammenhang mit dieser Siedlungspolitik wird

1377
in Altenburg, Zwickau und Chemnitz der Gebrauch der sorbischen Sprache vor Gericht verboten. Erobertes sorbisches Gebiet wird in Markgrafschaften eingeteilt.

1677
befiehlt der brandenburgische Kurfürst, in seinem Herrschaftsbereich das gesamte sorbische Schrifttum – im 16. Jahrhundert kommt es zu einem Aufblühen der sorbischen Literatur und zur Festigung der sorbischen Sprache – sofort zu vernichten und die Durchführung sorbischer Gottesdienste zu untersagen.

1815
Im Anschluss an den Wiener Kongress kommt es in Preussen zur brutalen Unterdrückung der sorbischen Sprache in den bereits vor dem Kongress zu Preussen gehörenden oder nun neu hinzugekommenen sorbischen Siedlungsgebieten, die vorher Teil des Königreichs Sachsens waren. Die durch den Wiener Kongress vorgenommene territoriale Neugliederung des sorbischen Siedlungsgebietes drängt die sorbische Bevölkerung in fast allen Kreisen in die Minderheit.

Bismarck leitet in der preussischen Oberlausitz, wo es

1875
zu einem generellen Verbot der sorbischen Sprache in den Schulen kommt, und indirekt im Deutschen Reich ganz allgemein die antisorbische Repression ein. Nach

1933
wird diese Politik durch die Nationalsozialisten fortgesetzt. Die Lehrer und die Geistlichen werden aus der Lausitz ausgewiesen. Das Regime versucht, das sorbische Volk physisch und psychisch auszurotten.

1934 sind an der Schule in Crostwitz von 10 Lehrern nur noch deren 2 sorbischer Sprache.

1937
Anstelle des Kreuzes wird auf Befehl des nationalsozialistischen Regimes in der Crostwitzer Schule das Bild Hitlers aufgehängt. Im selben Jahr wird die sorbische Sprache in der Crostwitzer Schule in Wort und Schrift verboten. 100 sorbisch-sprachige Kinder müssen wegen der Veränderung des Schuleinziehungsbereichs für Crostwitz die „germanisierte“ Schule in Puschwitz besuchen.

Im Zuge der Repression werden des weiteren der sorbische Dachverband - die Domowina – und jegliches öffentliche sorbische Leben verboten.

Im selben Jahr wird auch das Wendische Haus in Cottbus konfisziert.

1938
entreissen der Schulinspektor und einige SA-Männer in der Schule von Crostwitz den Kindern die sorbischen Schulbücher, zerreissen sie und verbrennen die Reste im Ofen, nachdem sie gedroht haben, wiederzukommen, wenn das „wendische Gequatsche“ nicht aufhöre.

1939
wird mit dem Verbot des „Katolski Posol“ die letzte sorbischsprachige Publikation liquidiert.

1941
verbietet das Brandenburger Konsistorium. den letzten sorbischen Gottesdienst.

1945
wird das Wendische Haus durch die SS niedergebrannt.

1943, 1944
Sorbische Gegner des Regimes wie Aloys Andricki und Marja Grolmusec werden ermordet.



Nach Wiedereinführung des sorbischen Schulwesens in Crostwitz und anfänglichen Schutz der sorbischen Sprache und Identität durch das kommunistische Regime kommt es zu einer gegenteiligen Reaktion, als es den Herrschenden klar wird, dass sich die Crostwitzer Schule nie durch das kommunistische Regime vereinnahmen lassen würde. Durch Einengung des Schuleinzugsgebiets versucht die kommunistische Schulverwaltung, die Crostwitzer Schule zum Auslaufmodell zu machen.

2001
Die Regierung des Freistaates Sachsen beschliesst die Liquidierung der Schule in Crostwitz, wo seit 1482 Schulunterricht erteilt und 1835 das Schulwesen aufgrund der durch königlich sächsisches Schulgesetz angeordneten Schulpflicht organisiert wird. Bis zum heutigen Tag zählte die Schule von Crostwitz ständig zwischen 200 und 300 Schülern.
Trotz heftiger Reaktionen der Sorben – Sorbischer Rat des Sächsischen Landtags, Behörden sorbischer Gemeinden, Domowina, Cyrill-Methodius-Verein, Sorbischer Schulverein, Petitionen deutsch- und sorbischsprachiger Eltern, öffentliche Protestaktionen in Bautzen und Dresden – hält die Regierung an der vorgesehenen Schliessung der Hälfte der sorbischen Mittelschulen fest.

8.8. 2001
Der manifeste Wille von 1500 in Crostwitz versammelten Sorben, welche den Weiterbestand der Crostwitzer Schule fordern, wird von den anwesenden Politikern der Regierungspartei bekämpft und schliesslich ignoriert.

2003
Die Mittelschule von Crostwitz wurde schliesslich mit dem Ende des Schuljahres 2002/2003 im Juli 2003 gegen den Willen der Vertretung des sorbischen Volkes von den Behörden geschlossen.

15.10.2003